1969, also zugegebenermaßen etwas vor meiner Zeit, titelte der Spiegel einmal mit „Du, Willy“. Die Älteren unter uns werden wissen, dass damals Willy Brandt das Zepter in Deutschland übernommen hatte. Doch der Spiegel wollte diesmal nicht über die Gefahren einer Koalition aus SPD und FDP berichten – damals war Grün noch keine Partei, sondern nur die Farbe der Hoffnung. Nein, der Spiegel thematisierte damals das sogenannte „Genossen-Du“. In der Partei ist es nämlich üblich, dass sich Genossinnen und Genossen untereinander ganz flapsig duzen. Oder anders formuliert: Wenn ich jetzt in die SPD eintreten würde, dürfte ich auf einen Schlag den Bundeskanzler, die Bundestagspräsidentin und den Bundespräsidenten, also die drei höchsten Personen im Staate Deutschland duzen. Und ich würde es schamlos ausnutzen.

Du, Alex?

Ein paar Momente später, genauer gesagt im Januar 2016 titelte ein anderes, ebenso einflussreiches Medium in Deutschland, die Immobilien Zeitung, mit „Lieber Alexander, was ich dir schon immer mal sagen wollte…“. Anlass war nicht etwa die Einführung eines AfD-Du. Ihr wisst schon, der Gauland heißt auch Alexander. Nein, es ging um Alexander Otto. Der ECE-Chef hatte seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nämlich das Du angeboten. Für unsere eher wenig progressive Branche war das schon eine echte Story. Damals habe ich noch bei einem Verband kommuniziert und – ja – auch intern wie extern häufig gesiezt.

Nun erleben wir in unserer Branche aber gleich mehrere Effekte, die ein förmliches Sie zunehmend in Frage stellen. Etwa 2016, also als Alexander der ECE das Du angeboten hat, ging auch die PropTech-Welle los. Zumindest hat zu der Zeit der Begriff eine erste Definition in Deutschland erhalten. Und ich habe seitdem noch nie eine PropTech-Persönlichkeit getroffen, die ich gesiezt habe. Unsere Branche wird aber nicht nur digitaler, sondern auch jünger. Sei es nun der MAT Award, FORE, Immobilienjunioren oder die wachsende Anzahl an Studierendeninitiativen. Wirklich niemanden dort habe ich bisher gesiezt. Und ich habe nicht vor, das zu ändern.

Eine Branche, ein Personalpronomen

Nun bin ich als Typ auch eher so ein Duzer und meist viel zu schnell beim Du. Eigentlich bietet man das ja eher beim Bier oder Wein an. Aber wir duzen alle Kundinnen und Kunden der Strategiekollegen und uns intern natürlich auch. Da fällt mir das Code-Switching oft etwas schwer. Aber gelegentlich begegnet mir das „Sie“ doch noch im beruflichen Alltag. Deswegen habe ich mal einen Vorschlag mitgebracht.

Was haltet ihr davon, wenn wir einfach das branchenweite „Du“ einführen, sozusagen das „Genossen-Du“ für die Immobilienwirtschaft? Mit einem Schlag wären dann rund 3,5 Millionen sozialversicherungspflichtig Erwerbstätige in Deutschland per „Du“. Stellt euch das einfach mal vor: Die 16-jährige Luisa unterzeichnet ihren Ausbildungsvertrag bei einem Bochumer Wohnungsunternehmen und kurz danach trifft sie den Konzernchef Rolf, der sie begrüßt mit „Schön, dass du bei uns bist.“ Oder der vorlaute Berufsjugendliche Andy trifft bei einem Immobilienkongress den Chef-Makler Deutschlands und begrüßt ihn mit „Hallo Jürgen, alles schick?“

Verbundenheit per Du

So ein branchenweites „Du“ hätte aus meiner Sicht viele Vorteile. Wir würden endlich mal progressiv sein und ein Zeichen setzen. Unsere Branche ist sowieso international und englischsprachig. Da redet man sich in Mails und Videocalls auch mit Vornamen an. Wir würden endlich weniger spießig wirken. Mal ehrlich: Wir tragen auch keine Krawatten mehr und es häuft sich die Zahl von Sneakers im Branchenbild. Wir würden gleichzeitig unsere Attraktivität für junge Menschen erhöhen. Denn mal ehrlich: So ein pauschales „Du“ ist doch noch geiler als ein geheimer Handschlag, oder?

Also, liebe Immobilienwirtschaft, ich bin übrigens Andy. Und nein, das ist kein Spitzname.

Kontakt

Reden hilft!

Berlin, Erfurt, Telefon, Teams, Zoom …  oder einfach hier Kontakt aufnehmen.
Wir freuen uns auf ein Kennenlernen.