Mit dem Beginn eines neuen Jahres häufen sich erfahrungsgemäß die Zukunftsprognosen, und zwar in sämtlichen Bereichen. Und das hat weniger mit mysteriösen Prophezeiungen im Stile des Orakels von Delphi oder den drei düster anmutenden Hexen aus Shakespeares Werk „Macbeth“ zu tun als vielmehr mit dem Wunsch nach Veränderung – und ein wenig auch der Furcht davor – sowie dem (natürlich veranlagten) Streben nach Sicherheit, ohne etwas Konkretes in den Händen zu halten.   

Auch die Immobilienwirtschaft bleibt davon nicht verschont. Wer 2026 auf diesen Wirtschaftszweig blickt, wird wohl kaum von einem großen Neujahrs-Knall der Veränderung sprechen. Eher vom Silvester-Knallbonbon der leisen, aber spürbaren Verschiebung. Wie wir nur allzu zu gut wissen, hat die Branche nicht gerade einen Höhenflug hinter sich, sondern kommt aus einer Phase der Ernüchterung. Und so pessimistisch das auch klingen mag: Genau darin liegt eine Chance. 

1. Der ausgenüchterte Markt 

Den „Dry January“ hat der Immobilienmarkt schon hinter sich. Er kommt aus einer nicht gerade leichten Zeit der Ausnüchterung, worauf nun (bestenfalls) die dauerhafte Besinnung auf die eigene Gesundheit ansteht. Die Zeit der schnellen Gewinne und fast automatischen Wertsteigerungen sind bekanntermaßen schon seit einigen Jahren vorbei. Ebenso bekannt ist, dass die Immobilienbranche manchmal etwas länger „verarbeiten“ muss. Das scheint nun vollbracht und 2026 zählt wieder stärker, was eine Immobilie tatsächlich leistet: Lagequalitäten, Flexibilität, Zustand, Energiebilanz. Und die andere Seite? Naja, Investoren werden noch genauer als in den Jahren zuvor rechnen, Banken strenger prüfen und Käufer (wieder) mehr Fragen stellen, um Risikofaktoren schon frühzeitig zu erkennen. Das mag zunächst bremsen, sorgt aber längerfristig für mehr Substanz und hoffnungsvolle Perspektiven. 

Beispielsweise steigt die Qualität der Entscheidungen. Projekte, die nur auf optimistischen Annahmen oder dünnen Businessplänen basieren, fallen früher durchs Raster. Übrig bleibt, was belastbar ist. Die anfängliche Bremswirkung führt langfristig zu stabileren Investments, Werte entstehen weniger durch Finanzakrobatik als vielmehr durch operative Leistungsfähigkeit. Das macht den Markt robuster gegenüber Schocks und reduziert extreme Fehlbewertungen. 

2. Bestand schlägt Neubau … 

… oder anders gesagt: Der gewerbliche Neubausektor bleibt wichtig, allerdings werden Bauherren und Projektentwickler wesentlich selektiver bei der Wahl ihrer zukünftigen Objekte sein. Das liegt zum einen an den steigenden Baukosten, zum anderen an der Verknappung geeigneter Flächen, wodurch große Visionen ausgebremst werden. Achtung, Auftritt Bestandsobjekte, diesmal wirklich. Die drei Zauberworte lauten hier Sanierung, Umnutzung, Nachverdichtung. Alte Gewerbeimmobilien werden zu hybriden Mixed-Use-Objekten, ehemalige Büroflächen zu Wohnraum und selbst leerstehende Kirchen bekommen ein zweites Leben eingehaucht.  Zumindest sind der Kreativität am Reißbrett keine Grenzen gesetzt. Und gerade hier zeichnet sich ein Zukunftspotenzial ab, das den kritischen Stimmen aus Politik, Funk und Fernsehen der vergangenen Jahre ein gekonntes „Geht doch!“ zuruft. Denn warum sollten leerstehende Flächen weiterhin sich selbst überlassen sein? Das Credo für 2026 lautet weniger Abrissbirne, weiterdenken. 

3. Pflichtprogramm Nachhaltigkeit  

Die Schonzeit hat ein jähes Ende gefunden, wenn es um die drei verheißungsvollen – und gleichzeitig gefürchteten – Buchstaben „ESG“ geht. Im Jahr 2025 stellenweise noch als Schlagwort abgetan, rückt in den kommenden Monaten die betriebswirtschaftliche Notwendigkeit der Umsetzung in den Vordergrund. ESG bedeutet demnach nicht länger Imagepflege, sondern ist wirtschaftliche Grundvoraussetzung. ESG-Kriterien fließen stärker in Gutachten, Ratingmodelle und Verkaufsprozesse ein. Wer heute nicht investiert, zahlt morgen in Form von Abschlägen, eingeschränkten Exit-Optionen oder längeren Vermarktungszeiten. Von der Energieeffizienz über graue Emissionen der Baumaterialherstellung bis hin zu den Betriebskosten – diese und viele weitere Aspekte schwingen wie das berühmte Schwert des Damokles über der Finanzierung und Vermietbarkeit einer Immobilie. Eigentümer, Projektentwickler und Co., die früh investiert haben, profitieren jetzt schon. Für andere wächst der Zugzwang. Hochglanzberichte auf vielleicht nachhaltigem, aber auch sehr geduldigem Papier tragen nicht mehr. Und es gibt eine gute Nachricht: Der Markt honoriert echte Maßnahmen zunehmend. 

4. Kein Schnee von gestern: Wohnen ist Mangelware 

Ein Thema, was schon in den vergangenen Jahren sehr präsent war, bleibt uns in diesem Jahr weiterhin erhalten: der Wohnraummangel. Immer offenkundiger wird aber die Widersprüchlichkeit. In den Metropolen wird sich die Nachfrage nach bezahlbarem Wohnraum weiterhin stauen, obwohl diese schlichtweg kaum jemand leisten kann, während andernorts (beispielsweise in Randbezirken oder schlecht erreichbaren Gegenden) Wohnungen leer stehen. Gleichzeitig werden das Umland und ländliche Räume zur Experimentierfläche für neue Wohnideen, beispielsweise geteilte Flächen oder Mietmodelle auf Zeit. Vieles davon klingt flexibel, manches fühlt sich eher nach Notlösung an. Klar ist, es geht längst nicht mehr nur um einzelne Quadratmeter oder darum, ob in den kommenden Monaten genug gebaut wird, sondern um die Frage, ob das Richtige entsteht. 

5. Verpuffter Digitalisierungszauber

Zu guter Letzt hat das Thema Digitalisierung seinen Neuheitsbonus im Jahr 2026 verspielt. Sie ist da, sie funktioniert – und ja, sie nervt manchmal auch. Prozesse laufen sekundenschnell und automatisiert. Vieles wird unter dem Buzzword „effizient“ vermarktet, Stichwort Immobilienbewertung. Gleichzeitig wächst die Abhängigkeit von Modellen, die kaum hinterfragt werden. Künstliche Intelligenz rechnet (meistens) sauber, erkennt aber nicht, warum ein Wohnviertel kippt oder warum ein Objekt trotz guter Zahlen schwer vermietbar bleibt. Zu oft wird Technik als Ausrede genutzt, um Verantwortung abzugeben. Dabei bleibt die entscheidende Frage unbequem analog: Wer versteht wirklich, was vor Ort passiert? Digitalisierung kann unterstützen, keine Frage. Sie wird allerdings dann problematisch, wenn sie als Ersatz für Erfahrung und eine menschliche Perspektive verkauft wird. 

Realitätssinn trifft auf Langstrecke 

Was nun? Nach Jahren zwischen Ausnahmezustand und Hoffnungsschimmern rückt der Markt in das „New Normal“ (auch wenn wir mit dem Begriff schon länger operieren). Das ist weder euphorisch noch bequem. Deshalb werden für die kommenden Entwicklungen weniger Bauchgefühl, dafür aber deutlich mehr Disziplin verlangt. Fest steht: 2026 wird kein einfaches Jahr und in den nächsten Monaten werden wir auch keine ungeahnten Bodenschätze heben, die wir mit der magischen Immobilien-Wünschelrute aufspüren. Doch es wird ein Jahr mit klareren Spielregeln.  

Entscheidungen können nicht länger ausgesessen und Fehler können teuer werden. Ja, die Branche wird zwar überwiegend vorsichtig bleiben, gleichwohl wird sie professioneller und mutiger in kleinen Schritten agieren. Projekte dauern vielleicht länger, sind dafür besser durchdacht. Renditen sind moderater, jedoch belastbarer. Und vielleicht ist genau das die wichtigste Prognose: Die Immobilienwirtschaft lernt wieder, langfristig zu denken. Das ist nicht spektakulär. Aber tragfähig. Und das ist mehr wert als jeder kurzfristige Boom. 

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